FÜSSEN ZIEGELWIES - Klimaanpassung im Wohnungsbau


Stadt Füssen
Nichtoffener interdisziplinärer Realisierungswettbewerb mit Ideenteil und vorgeschaltetem Auswahl- / Losverfahren
Teilnahme mit studioRAUCH Architekten, München


Die städtebauliche Figur schafft ein eigenständiges ablesbares Ensemble und kommuniziert über ihre Öffnungen und Wegeverbindungen mit der umliegenden Nachbarschaft. Eine zentrale Rolle spielt hierbei die Ziegelwiesstraße selbst, die mit einem neuen Pflasterbelag eine Aufwertung erfährt und in ihrer Breite reduziert und entsiegelt wird. An den Einmündungen aus der Tiroler Straße reduzieren neue Bäume den Querschnitt und lassen die Straße somit weniger großzügig und einladend für auswärtige Besucher wirken. Dies wird unterstützt durch die Ausweisung als Spielstraße, die nur für Anlieger nutzbar ist. 20 Besucherstellplätze aus Rasenfugenpflaster werden in begrünte Randzonen zwischen Bäumen integriert. Zwischen der Zufahrt zur Parkebene und dem Hutlerbergweg wird die Ziegelwiesstraße zugunsten der Aufenthaltsqualität als Einbahnstraße behandelt. Die Befahrung durch die Feuerwehr oder Lieferfahrzeuge ist sichergestellt.
Der Entwurf nutzt die topographische Situation und integriert eine Parkebene, deren Zufahrt am tiefsten Punkt des Geländes liegt (Nordwesten). Dadurch entsteht auf deren Dach, der Gartenebene, eine großzügige Freifläche, die als intensiv begrüntes Retentionsdach ausgebildet ist. Hier befinden sich private Terrassen der EG-Wohnungen mit Hochbeeten, extensive Biodiversitätszonen, Staudenpflanzungen, kleine Treffpunkte, eine Gemeinschaftsterrasse, Spielflächen, sowie Hochbeete für gemeinschaftliches Gärtnern. Drei große Bäume (verschiedene Gledistsien) werden in offenen Lichthöfen mit großzügigem Wurzelraum in der Parkebene gepflanzt und bilden einen angenehm lichten Schatten an heißen Sommertagen. Die Gartenebene erlaubt, barrierefrei an das Hochparterre der Bestandsgebäude Nr. 8, 10, 12 und 14 anzubinden. Aus der Parkebene haben die Bewohner den direkten Zugang über den Keller zum Treppenhaus der Bestandsgebäude. Der Zugang zur Gartenebene erfolgt über barrierefreie Rampen (Südosten), Treppen (Nord und Süd) sowie über die Treppenhäuser und Aufzüge der Wohngebäude. Der bestehende Gartenhof des Bestandsensembles wird erhalten, als potentielle temporäre Retentionsfläche modelliert und um Hochbeete und eine begrünte Pergola erweitert. Diese bildet einen transparenten Filter zur Ziegelwiesstraße und erlaubt straßenseitig die Abstellung von 30 Fahrrädern. An den beiden Enden werden ein Müllraum und ein Geräteschuppen mit extensivem Gründach integriert. Beidseitig des Gemeinschaftsgartens zieht sich der Pflasterbelag der Ziegelwiesstraße in die befestigten Wohnhöfe, und schafft somit eine Verzahnung mit der Spielstraße, die als Shared Space den Austausch und die Kommunikation mit der Nachbarschaft sucht. Der punktuell angebrachte Holzstaketenzaun ist eine Reminiszenz an den charmant dörflich anmutenden Zaun der Bestandsgärten.
Die Balkone des Hochparterres erhalten über wenige Stufen direkten Zugang in den Gemeinschaftsgarten. So auch entlang der östlichen Grundstücksgrenze, wo ein Retentionsgarten zwischen Bebauung und Spielstraße vermittelt. Hier wird bei Starkregen das überschüssige Wasser vom Retentionsdach der Gartenebene eingeleitet, verdunstet und über Kiesrigolen versickert. Die Gestaltung mit kleinen Sitzkanten, Spielfelsen, Trittsteinen und standortgerechter blühender Vegetation lädt zum Verweilen unter großen Klimabäumen (Liquidambar styraciflua, Quercus pubescens) mit auffallender Herbstfärbung ein, die sich bis auf die Ziegelwiesstraße hinausziehen und diese in die Freianlagengestaltung einbinden. Im weiteren Verlauf begleiten schmalkronige Hainbuchen (Carpinus betulus ’Frans Fontaine‘) die Straße, an den Zufahrten aus der Tiroler Straße kommen wieder große Bäume zum Einsatz.
Eine weitere kleinere Retentionsfläche befindet sich westlich der Parkebene. Hier verläuft auch der barrierefreie Zugang von Haus Nr. 16, der auch als südwestliche Radwegeverbindung zu 80 Fahrradstellplätzen genutzt werden kann, zusätzlich zur Hauptzufahrt im Nordwesten. Weitere Fahrradstellplätze befinden sich an den beiden Zugängen zur Gartenebene (je 10), an der Gemeinschaftsterrasse (10), sowie unter der Pergola des Bestands-Ensembles (30).
Nachhaltigkeitskonzept:
- Luftzirkulation und Kühlung: Orientierung der Gebäude, offene Lichthöfe, Kaltluftgenerierung in offener Parkebene
- Regenwassermanagement: Kaskadenentwässerung, intensiv begrüntes Retentionsdach, Verdunstung und Versickerung in Retentionsflächen, Rückhalt in Zisterne zur Gartenbewässerung
- Natürliche Verschattung: Bäume, begrünte Pergola
- Klimaangepasste Vegetation: Klimabäume
- Steigerung der Biodiversität: Naturdächer, Stauden, Vogelnährgehölze
- Steigerung der sozialen Inklusion: Gemeinschaftsflächen, vielseitiges Freiflächenangebot, Vernetzung mit der Nachbarschaft